Nachdem die junge,
unbekannte Band schon mehrere Namen durch hatte, wurde sie von ihrem historisch
versierten Konzertagenten mal wieder neu benannt: nach einem umtriebigen
englischen Agrarökonomen des 18. Jahrhunderts. Als das Quartett an diesem Abend
im Jahr 1968 auftreten sollte, stand dessen Name an der Tür des Londoner Clubs.
„Sind wir das? – Ja, so heißt ihr ab heute!“ Der Name prägte sich ein, und es
blieb dabei. In den 70ern wurde die junge, einst unbekannte Band wegen ihrer
überbordenden Schaffens- und Spielfreude zu einem der größten Acts der
Rockmusik. Der Name jenes halbvergessenen Ackerbauern war natürlich: Jethro
Tull.
Die Band legt so
richtig los mit dem Weggang von Blues-Gitarrist Mick Abrahams, dem Dazustoßen
von Martin Barre und der kreativen Machtübernahme des 21jährigen Ian Anderson
und seiner irre gewordenen Querflöte – und mit der zweiten Platte Stand Up (1969), damals Nummer eins der britischen LP-Charts. Wenn man das hört, kriegt
man selbst heute noch einen elektrischen Schlag im Kopf, so knackig und frech
ist das, und die spuckende, autodidaktische Querflöte pustet einen mit ihren
jazzigen Läufen und Phrasierungen glatt ins Gebüsch. Sicherlich hatte man zuvor
schon mal eine Querflöte in der Rockmusik gehört, mehr so sphärisch-ätherisch,
aber das hier? Das ist neu! Der Kerl hat einen an der Klatsche, wie er da in
seinem fadenscheinigen Mantel herumspringt und posiert, auf einem Bein steht
wie ein Flamingo und die Flöte schweinisch grinsend als Phallus herumzeigt, um
sich dann mit Barres Gitarre zu duellieren, als ginge es um einen
Masturbationswettbewerb unter Halbwüchsigen. Ziemlich haarigen Halbwüchsigen
allerdings. Auffällig wird neben dieser Rampensau-Attitüde allerdings auch
schnell das exzellente Beieinander von folkloristisch-balladesker Zartheit,
schierer elektrischer Rohheit und Songschreiber-Ambition. Und irgendwann wird
Anderson sich derart seriös an der Querflöte weitergebildet haben, dass er und
seine Band später, viel später, zu Bach- oder Mozart-Festivals eingeladen
werden.
Der Markstein Aqualung (1971) ist das vierte Album und das berühmteste und macht aus der
Gruppe endgültig einen Top-Act. Die Band wirkt zwar exzentrisch und wild, ist
aber berüchtigt für ihre Disziplin. Drogen? Nicht erwünscht! Sex-Orgien? Lieber
noch ein Ale im Pub oder gleich ins Hotelzimmer und unter die Dusche. In den
Siebzigern ziehen sich Rockmusiker bekanntlich so ziemlich jede Substanz rein –
alle außer: Jethro Tull. Jemand könnte die Kontrolle über sich verlieren und
einen falschen Ton spielen. Undenkbar! Ian Anderson hat da ein Auge drauf und macht
die strenge Gouvernante. Die Band mit dem Namen des Erfinders der Sämaschine
muss schließlich unablässig touren und jedes Jahr eine neue Platte ausstoßen –
meist überkomplex und völlig anders als die vorherige. Richtung Mitte der 70er
verliert Anderson gewissermaßen doch die Kontrolle, nimmt einen Schluck zu viel
aus dem Progressive-Rock-Pokal und wird größenwahnsinnig. Es ist allerdings ein
sehr unterhaltsamer Größenwahn, der sich dann auch wieder legt.

Als Landjunge habe
ich natürlich einen Narren gefressen an der „Folkrock-Trilogie“ der Jahre
1977-79, als Kind des späten Kalten Krieges aber auch an den stärker
elektronisch geprägten, zeitgemäßeren Platten der Jahre 1980-84 sowie Andersons
erstem Solo-Album von 1983. Jawohl, ich gehöre zu den Verteidigern von Under
Wraps und Walk into Light, bei denen konservative Tull-Fans stets die
Schnüss verziehen, weil sie diese vermaledeiten Synthesizer als Verrat am Ideal
der ‚handgemachten Rockmusik‘ auffassen.
In der zweiten
Hälfte der Achtziger verliert die Band dann so langsam ihre Form. Die Abstände
zwischen den Platten werden länger und länger. Natürlich muss man die (relativ
wenigen) Tonträger bis Anfang des neuen Jahrtausends und dem großen „hiatus“
hören und besitzen, aber ihnen fehlt irgendwie das Überschäumende. Sie sind
virtuos und gesittet, Musik für Sitzpublikum, und doch finden sich auf ihnen
immer wieder Songs, die einem das Herz aufgehen lassen oder den Schweiß auf die
Stirn treiben. Die Musiker geben sich die Klinke in die Hand, der hektische Tourneebetrieb
nimmt unter Workaholic Anderson wieder Fahrt auf, ungeachtet seiner ruinierten
oder zumindest sehr wankelmütigen Stimme. 2011 trennen sich endgültig die Wege
von Anderson und Martin Barre, was von vielen als Endpunkt von Jethro Tull
angesehen wird. Anderson produziert weiterhin Platten unter seinem eigenen
Namen, aber seit 2022 agiert er wieder unter dem Namen Jethro Tull als Studio-
und Live-Projekt. Diese Platten sind sehr erfreulich geraten und geben Anlass
zu gewissen sentimentalen Regungen, aber sie erschaffen die „olde days“
natürlich auch nicht neu. Das müssen sie jedoch auch gar nicht, denn das zeitreisende
Taschenuniversum namens Jethro Tull kann von hinten genauso ergründet werden
wie von vorne. Es existiert längst außerhalb der Zeit und der Modewellen.
Eine frühe
Kompilation von 1972 trägt den Titel Living in the Past. Das ist Programm. Denn
Jethro Tull historisieren auf Teufel komm raus und vermixen die Musik ihrer
Zeit mit der vergangener Epochen. Sie taumeln förmlich durch die Zeitalter. Anderson
gebärdet sich des Öfteren eher wie ein Barock-Komponist als wie ein
Pop-Songwriter. Die Leute, die seine Kreationen mit Leben füllen, waren und
sind allesamt begnadete Musiker. Siebziger-Drummer Barrie „Barriemore“ Barlow
gilt zum Beispiel als einer der besten Schlagwerker, den die Rockmusik je hatte.
Und der exzentrische Arrangeur und Keyboarder David Palmer (seit vielen Jahren heißt
er nach einer Geschlechtsumwandlung Dee Palmer) verbrachte damals die meiste
Zeit damit, alte Barock-Weisen zu rekonstruieren und auf seltsamen Instrumenten
für die Rockmusik nutzbar zu machen.
Jethro Tull pflegen
lange ein Image als buchstäblich ver-rückte, weil zeitverschobene Spielleute
(„minstrels“), die sich in einer unbekannten Epoche, unserer Gegenwart nämlich,
umschauen und sie aufsaugen, sie aber nie so richtig ernstnehmen können. Das ist
notorisch ironisch, hat aber auch ein dickensianisches soziales Gewissen. Die
Band macht begehbare Musik, durch die man unaufhörlich hindurchflanieren
möchte, um auch ja kein Detail zu versäumen. Progressive Rock nennt man
solcherlei stilistischen Verstiegenheiten sonst gerne, aber ich habe Jethro
Tull nie wirklich als Progrocker empfunden, sondern als Eklektizisten mit von
Platte zu Platte neu verhandeltem künstlerischen Programm, das erst
durchstiegen werden muss. Von ein paar Ausnahmen abgesehen wirkt die Band kaum
jemals bemüht, bleischwer oder avantgardistisch. Sie sind Springsinsfelde, eine
Song-Band, die alles aus dem Ärmel zu schütteln scheint – wobei erst beim
zweiten Hören auffällt, wie vielschichtig und virtuos das ist. Anderson und
Barre betätigen sich als Solisten und ragen heraus, aber es sind die Disziplin
und die Kreativität auch der anderen, die aus Jethro Tull das Powerhouse der
70er machen.
Die Spielmann- und
Dickens-Masche führt dazu, dass Jethro Tull schrullig sind bis zur Pythoneske,
ihr Humor ist spöttisch und inkorrekt, hofnarrenhaft. Anderson meinte unlängst:
„Es ist sinnlos, mich heute canceln zu wollen. Das hätte man vor fünfzig Jahren
tun sollen.“ Er hatte es nie mit dem Bürgertum, den Politikern, den Pfaffen, und er fand Spaß an kleinen bis mittelschweren Provokationen – selbst heute noch
als alter weißer selbstreflexiver Mann, der früheres Tun durchaus kritisch
kommentiert, dabei aber keinerlei Anzeichen zeigt, sich der moralischen
Rigidität der Gegenwart zu beugen und dieser nach dem Mund zu reden.
Außerdem sagt
Anderson solche Sachen wie: „Ich mag überhaupt keine Lyrik.“ Dabei ist er einer
der signifikantesten Songtexter der Epoche und hat wie kaum ein anderer die
schiere Fülle der Lebensgegenwart der letzten fünf Dekaden abgebildet und
poetisch gebrochen – und als ewiger Zeitreisender neigt er immer wieder dazu,
sie historisch-ästhetisch herzuleiten.
Auch dieser stete
Rückgriff auf die Vergangenheit hat Anderson den Ruf eingebracht, ein
konservativer Knochen zu sein. Aber das ist nur ein weiteres Aufpfropfen
politischer Interpretationen auf etwas, das per se gar nicht politisch ist,
sondern vielmehr die Offenheit und Ambiguität von Poesie aufzeigt. Der Künstler
muss über Auge und Ohr, Herz und Verstand und vielleicht noch ein Notizbüchlein
verfügen. Eine politische Mission verengt nur die Perspektive.
Über Andersons
gutsherrenhaftes Verhalten innerhalb der Band gibt es manche Anekdoten der
Bitterkeit, aber auch solche, die sagen, dass er so schlimm gar nicht ist,
sondern immer ein Teamworker und ein Kümmerer war. Der Künstler hat sich im
Laufe der Jahre zum Geschäftsmann entwickelt, hat Verantwortung für einen
ganzen Stall voller Leute übernommen, Firmen gegründet, sogar Lachsfarmen auf
der Isle of Skye unterhalten (wegen der fragwürdigen Umweltbilanz längst
verkauft und dann pleite gegangen), und irgendwann zog er Jethro Tull eben auch
wie ein Wirtschaftsunternehmen auf. Ohne den
Künstler – den Komponisten, Musiker und Poeten – hintan stellen zu wollen.
Taumeln wir in den
nächsten Tagen und Wochen einfach mal durch dieses Universum aus Flöte,
Mandoline und Powerrock …