Freitag, 12. Juli 2024

Rock Island (1989)


Im Begleittext der Remastered-Version von Rock Island bezeichnet Ian Anderson diese 89er-Platte als „sea of misery“. Tatsächlich handelt es sich hier um eine der ernsteren Platten im Tull-Repertoire. Wieder geht es ‚proletarisch‘ zu, wie schon auf Crest of a Knave, wieder befinden wir uns unter ‚einfachen Leuten‘, aber das hier tendiert nun mehr in Richtung Entwurzelung / Einsamkeit / Isolation und transportiert nicht wenig Traurigkeit. Um diese folkloristische Melancholie zu stützen, ist die Platte ordentlich mandolinenlastig – was dem alten Mandolinisten in mir ein rührseliges Tränchen in den Augenwinkel treibt. Titel und Covergestaltung sollen signalisieren: Es wird gerockt. Und das tut es durchaus. Die Dire-Straits-Momente von Crest of a Knave sind gewiss nicht verschwunden, aber es wird hier und da ordentlich nach vorne gedrückt. Dafür ist es an anderen Stellen zerfahrener und unebener als die Vorgängerplatte. Und natürlich findet sich hier auch „Another Christmas Song“, die etwas zu kalkuliert schöne Fortsetzung des radikalstschönen, dickensianischen „Christmas Song“ von 1969, diesmal eher ein Weltepos statt eine bloße Moritat.

Der gutgelaunte Hardrocker „Kissing Willie“ ist nach meinem Empfinden der weltweit beste Oralsex-Song mit Mandolinen-Begleitung. Vielleicht sogar der einzige. Die Höhepunkte heißen jedoch „Ears of Tin“, die poetische Reflexion eines Entwurzelten, der zur Arbeit in die große englische Stadt ziehen muss und sich in seine wilden schottischen Highlands zurücksehnt, sowie „Big Riff and Mando“, diese typische Anekdote aus Andersons halbfiktiver Erzählwelt: Auf einer USA-Tournee klaut ein Typ namens Big Riff Martin Barres unbeaufsichtigte wertvolle Mandoline und erpresst die Band mit dem Vorschlag, das Instrument zurückzugeben, wenn er beim nächsten Konzert am Mikro stehen und die Songs singen darf. Denn Big Riff hält sich für einen echten Rocksänger. Die Band geht zum Schein darauf ein und benachrichtigt die Polizei. Als Big Riff ans Mikro treten will, ergreifen die Beamten die Initiative, und Big Riff geht stiften. Die Mandoline hat er vereinbarungsgemäß mitgebracht, und er lässt sie zurück. „Big Riff and Mando“ unten im Kommentar.

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