Freitag, 12. Juli 2024

Crest of a Knave (1987)


1987 war ich musikalisch anders drauf, aber ich erstand Crest of a Knave trotzdem aus alter Treue, gab ihm allerhand Rotationszeit und verdrückte hier und da sicher auch ein Tränchen der Rührung. Die Platte ist nun ein schöner Startpunkt für die Jethro-Tull-Retrospektive, wie ich finde. Aufgenommen wurde sie übrigens „just round the corner from the kitchen in the room behind the door which used to be painted white but isn’t any more“.

Es war die erste Platte nach der längsten Pause, die es bei Jethro Tull bis dahin gegeben hatte, drei Jahre, geschuldet Ian Andersons dramatischen Stimmproblemen und einer Hals-OP. Ärztlicher Rat: „Am besten nie mehr singen.“ Hat er sich nicht dran gehalten …

Die verspielte Wappenkunst des Covers suggeriert irgendwas Adlig-Gutsherrschaftliches, tatsächlich ist dies aber ein ‚proletarisches‘ Album. Es geht viel um Arbeitswelt, Wirtschaftskrise, um Strukturwandel, Enteignung, ums stolze Schuften und das Alleingelassenwerden durch Staat und Bosse.

Wenn die Progressive-Rock-Gemeinde etwas runterputzt, kann man davon ausgehen, dass es gut ist. Die Platte zieht bis heute Kritik ebendieser Gemeinde auf sich wegen ihrer Dire-Straits-haftigkeit einerseits und einem ZZ-Top-artigen Hardrock andererseits. Diese Kritiker sind offenbar mal wieder nicht in der Lage, das gewollte Zusammenwirken von Form und Inhalt zu erkennen. Verstiegenes Gefrickel ist gar nicht beabsichtigt, sondern Geradlinigkeit. Der sequencerbefeuerte, kackfreche Malocher-Hardrock von „Steel Monkey“ setzt gleich zu Beginn schon mal eine Marke. Weitere kräftige Rocksongs wie „Jump Start“ folgen oder das typisch tullhaft eskalierende „Farm on the Freeway“. Hingegen ist „Said she was a Dancer“ in der Tat nichts anderes als eine Dire-Straits-Pastiche. Auch auf „Budapest“ wird es knopflerisch, aber der Zehnminüter entwickelt sich dann doch noch zum echten Tull-Stück, mit einer markanten Motiv-Vertracktheit von vollendeter Schönheit, in der man flanieren möchte. Also doch noch Gefrickel auf der „Arbeiterplatte“. Den Text über die gutaussehende, schüchterne Backstage-Aushilfskraft bezeichnete man früher als „erotisch“, heute nennt man ihn vermutlich „sexistisch“. Dennoch (oder gerade deswegen) ist das einer von Ian Andersons allerschönsten Texten: „And her legs went on forever, like staring up at infinity.“ Originärer Tull-Stoff ist ebenso „Mountain Men“. Mit seiner assoziativen, historisierenden Lyrik über die Vermissten und Gefallenen Schottlands an den fernen Gestaden des Empire ist es das poetische Zentrum der ursprünglichen Platte.

Über die remasterte CD-Version hat man Bonustracks verteilt – und erweitert damit die Platte als Kunstwerk ganz beträchtlich, denn bis auf ein etwas träges Ballädchen kommunizieren diese Stücke wunderbar mit den originalen LP-Songs.

Unten: „Mountain Men“. Man achte mal auf die wiederkehrende, aber stets variierte Flötenarabeske nach der ersten Refrainzeile („Where the mountain men are kings …“), die über die zweite Textzeile („… and the sound of the piper counts for everything“) hinweg mit der Gitarre kommuniziert. Diese Art sehnsuchtsvoller Verschnörkelung, das ist Jethro Tulls Kernkompetenz. 

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