Es war die erste
Platte nach der längsten Pause, die es bei Jethro Tull bis dahin gegeben hatte,
drei Jahre, geschuldet Ian Andersons dramatischen Stimmproblemen und einer Hals-OP.
Ärztlicher Rat: „Am besten nie mehr singen.“ Hat er sich nicht dran gehalten …
Die verspielte
Wappenkunst des Covers suggeriert irgendwas Adlig-Gutsherrschaftliches,
tatsächlich ist dies aber ein ‚proletarisches‘ Album. Es geht viel um
Arbeitswelt, Wirtschaftskrise, um Strukturwandel, Enteignung, ums stolze
Schuften und das Alleingelassenwerden durch Staat und Bosse.
Wenn die
Progressive-Rock-Gemeinde etwas runterputzt, kann man davon ausgehen, dass es
gut ist. Die Platte zieht bis heute Kritik ebendieser Gemeinde auf sich wegen
ihrer Dire-Straits-haftigkeit einerseits und einem ZZ-Top-artigen Hardrock
andererseits. Diese Kritiker sind offenbar mal wieder nicht in der Lage, das
gewollte Zusammenwirken von Form und Inhalt zu erkennen. Verstiegenes Gefrickel
ist gar nicht beabsichtigt, sondern Geradlinigkeit. Der sequencerbefeuerte, kackfreche
Malocher-Hardrock von „Steel Monkey“ setzt gleich zu Beginn schon mal eine Marke.
Weitere kräftige Rocksongs wie „Jump Start“ folgen oder das typisch tullhaft
eskalierende „Farm on the Freeway“. Hingegen ist „Said she was a Dancer“ in der
Tat nichts anderes als eine Dire-Straits-Pastiche. Auch auf „Budapest“ wird es
knopflerisch, aber der Zehnminüter entwickelt sich dann doch noch zum echten
Tull-Stück, mit einer markanten Motiv-Vertracktheit von vollendeter Schönheit,
in der man flanieren möchte. Also doch noch Gefrickel auf der „Arbeiterplatte“.
Den Text über die gutaussehende, schüchterne Backstage-Aushilfskraft bezeichnete
man früher als „erotisch“, heute nennt man ihn vermutlich „sexistisch“. Dennoch
(oder gerade deswegen) ist das einer von Ian Andersons allerschönsten Texten:
„And her legs went on forever, like staring up at infinity.“ Originärer
Tull-Stoff ist ebenso „Mountain Men“. Mit seiner assoziativen, historisierenden
Lyrik über die Vermissten und Gefallenen Schottlands an den fernen Gestaden des
Empire ist es das poetische Zentrum der ursprünglichen Platte.
Über die remasterte CD-Version hat man Bonustracks verteilt – und erweitert damit die Platte als Kunstwerk ganz beträchtlich, denn bis auf ein etwas träges Ballädchen kommunizieren diese Stücke wunderbar mit den originalen LP-Songs.
Unten: „Mountain Men“. Man achte mal auf die wiederkehrende, aber stets variierte Flötenarabeske nach der ersten Refrainzeile („Where the mountain men are kings …“), die über die zweite Textzeile („… and the sound of the piper counts for everything“) hinweg mit der Gitarre kommuniziert. Diese Art sehnsuchtsvoller Verschnörkelung, das ist Jethro Tulls Kernkompetenz.


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