Freitag, 12. Juli 2024

Where the spiral ages meet: Spielleute auf Zeitreise

Nachdem die junge, unbekannte Band schon mehrere Namen durch hatte, wurde sie von ihrem historisch versierten Konzertagenten mal wieder neu benannt: nach einem umtriebigen englischen Agrarökonomen des 18. Jahrhunderts. Als das Quartett an diesem Abend im Jahr 1968 auftreten sollte, stand dessen Name an der Tür des Londoner Clubs. „Sind wir das? – Ja, so heißt ihr ab heute!“ Der Name prägte sich ein, und es blieb dabei. In den 70ern wurde die junge, einst unbekannte Band wegen ihrer überbordenden Schaffens- und Spielfreude zu einem der größten Acts der Rockmusik. Der Name jenes halbvergessenen Ackerbauern war natürlich: Jethro Tull.

Die Band legt so richtig los mit dem Weggang von Blues-Gitarrist Mick Abrahams, dem Dazustoßen von Martin Barre und der kreativen Machtübernahme des 21jährigen Ian Anderson und seiner irre gewordenen Querflöte – und mit der zweiten Platte Stand Up (1969), damals Nummer eins der britischen LP-Charts. Wenn man das hört, kriegt man selbst heute noch einen elektrischen Schlag im Kopf, so knackig und frech ist das, und die spuckende, autodidaktische Querflöte pustet einen mit ihren jazzigen Läufen und Phrasierungen glatt ins Gebüsch. Sicherlich hatte man zuvor schon mal eine Querflöte in der Rockmusik gehört, mehr so sphärisch-ätherisch, aber das hier? Das ist neu! Der Kerl hat einen an der Klatsche, wie er da in seinem fadenscheinigen Mantel herumspringt und posiert, auf einem Bein steht wie ein Flamingo und die Flöte schweinisch grinsend als Phallus herumzeigt, um sich dann mit Barres Gitarre zu duellieren, als ginge es um einen Masturbationswettbewerb unter Halbwüchsigen. Ziemlich haarigen Halbwüchsigen allerdings. Auffällig wird neben dieser Rampensau-Attitüde allerdings auch schnell das exzellente Beieinander von folkloristisch-balladesker Zartheit, schierer elektrischer Rohheit und Songschreiber-Ambition. Und irgendwann wird Anderson sich derart seriös an der Querflöte weitergebildet haben, dass er und seine Band später, viel später, zu Bach- oder Mozart-Festivals eingeladen werden.

Der Markstein Aqualung (1971) ist das vierte Album und das berühmteste und macht aus der Gruppe endgültig einen Top-Act. Die Band wirkt zwar exzentrisch und wild, ist aber berüchtigt für ihre Disziplin. Drogen? Nicht erwünscht! Sex-Orgien? Lieber noch ein Ale im Pub oder gleich ins Hotelzimmer und unter die Dusche. In den Siebzigern ziehen sich Rockmusiker bekanntlich so ziemlich jede Substanz rein – alle außer: Jethro Tull. Jemand könnte die Kontrolle über sich verlieren und einen falschen Ton spielen. Undenkbar! Ian Anderson hat da ein Auge drauf und macht die strenge Gouvernante. Die Band mit dem Namen des Erfinders der Sämaschine muss schließlich unablässig touren und jedes Jahr eine neue Platte ausstoßen – meist überkomplex und völlig anders als die vorherige. Richtung Mitte der 70er verliert Anderson gewissermaßen doch die Kontrolle, nimmt einen Schluck zu viel aus dem Progressive-Rock-Pokal und wird größenwahnsinnig. Es ist allerdings ein sehr unterhaltsamer Größenwahn, der sich dann auch wieder legt.

Als Landjunge habe ich natürlich einen Narren gefressen an der „Folkrock-Trilogie“ der Jahre 1977-79, als Kind des späten Kalten Krieges aber auch an den stärker elektronisch geprägten, zeitgemäßeren Platten der Jahre 1980-84 sowie Andersons erstem Solo-Album von 1983. Jawohl, ich gehöre zu den Verteidigern von Under Wraps und Walk into Light, bei denen konservative Tull-Fans stets die Schnüss verziehen, weil sie diese vermaledeiten Synthesizer als Verrat am Ideal der ‚handgemachten Rockmusik‘ auffassen. 

In der zweiten Hälfte der Achtziger verliert die Band dann so langsam ihre Form. Die Abstände zwischen den Platten werden länger und länger. Natürlich muss man die (relativ wenigen) Tonträger bis Anfang des neuen Jahrtausends und dem großen „hiatus“ hören und besitzen, aber ihnen fehlt irgendwie das Überschäumende. Sie sind virtuos und gesittet, Musik für Sitzpublikum, und doch finden sich auf ihnen immer wieder Songs, die einem das Herz aufgehen lassen oder den Schweiß auf die Stirn treiben. Die Musiker geben sich die Klinke in die Hand, der hektische Tourneebetrieb nimmt unter Workaholic Anderson wieder Fahrt auf, ungeachtet seiner ruinierten oder zumindest sehr wankelmütigen Stimme. 2011 trennen sich endgültig die Wege von Anderson und Martin Barre, was von vielen als Endpunkt von Jethro Tull angesehen wird. Anderson produziert weiterhin Platten unter seinem eigenen Namen, aber seit 2022 agiert er wieder unter dem Namen Jethro Tull als Studio- und Live-Projekt. Diese Platten sind sehr erfreulich geraten und geben Anlass zu gewissen sentimentalen Regungen, aber sie erschaffen die „olde days“ natürlich auch nicht neu. Das müssen sie jedoch auch gar nicht, denn das zeitreisende Taschenuniversum namens Jethro Tull kann von hinten genauso ergründet werden wie von vorne. Es existiert längst außerhalb der Zeit und der Modewellen.

Eine frühe Kompilation von 1972 trägt den Titel Living in the Past. Das ist Programm. Denn Jethro Tull historisieren auf Teufel komm raus und vermixen die Musik ihrer Zeit mit der vergangener Epochen. Sie taumeln förmlich durch die Zeitalter. Anderson gebärdet sich des Öfteren eher wie ein Barock-Komponist als wie ein Pop-Songwriter. Die Leute, die seine Kreationen mit Leben füllen, waren und sind allesamt begnadete Musiker. Siebziger-Drummer Barrie „Barriemore“ Barlow gilt zum Beispiel als einer der besten Schlagwerker, den die Rockmusik je hatte. Und der exzentrische Arrangeur und Keyboarder David Palmer (seit vielen Jahren heißt er nach einer Geschlechtsumwandlung Dee Palmer) verbrachte damals die meiste Zeit damit, alte Barock-Weisen zu rekonstruieren und auf seltsamen Instrumenten für die Rockmusik nutzbar zu machen.

Jethro Tull pflegen lange ein Image als buchstäblich ver-rückte, weil zeitverschobene Spielleute („minstrels“), die sich in einer unbekannten Epoche, unserer Gegenwart nämlich, umschauen und sie aufsaugen, sie aber nie so richtig ernstnehmen können. Das ist notorisch ironisch, hat aber auch ein dickensianisches soziales Gewissen. Die Band macht begehbare Musik, durch die man unaufhörlich hindurchflanieren möchte, um auch ja kein Detail zu versäumen. Progressive Rock nennt man solcherlei stilistischen Verstiegenheiten sonst gerne, aber ich habe Jethro Tull nie wirklich als Progrocker empfunden, sondern als Eklektizisten mit von Platte zu Platte neu verhandeltem künstlerischen Programm, das erst durchstiegen werden muss. Von ein paar Ausnahmen abgesehen wirkt die Band kaum jemals bemüht, bleischwer oder avantgardistisch. Sie sind Springsinsfelde, eine Song-Band, die alles aus dem Ärmel zu schütteln scheint – wobei erst beim zweiten Hören auffällt, wie vielschichtig und virtuos das ist. Anderson und Barre betätigen sich als Solisten und ragen heraus, aber es sind die Disziplin und die Kreativität auch der anderen, die aus Jethro Tull das Powerhouse der 70er machen.

Die Spielmann- und Dickens-Masche führt dazu, dass Jethro Tull schrullig sind bis zur Pythoneske, ihr Humor ist spöttisch und inkorrekt, hofnarrenhaft. Anderson meinte unlängst: „Es ist sinnlos, mich heute canceln zu wollen. Das hätte man vor fünfzig Jahren tun sollen.“ Er hatte es nie mit dem Bürgertum, den Politikern, den Pfaffen, und er fand Spaß an kleinen bis mittelschweren Provokationen – selbst heute noch als alter weißer selbstreflexiver Mann, der früheres Tun durchaus kritisch kommentiert, dabei aber keinerlei Anzeichen zeigt, sich der moralischen Rigidität der Gegenwart zu beugen und dieser nach dem Mund zu reden.

Außerdem sagt Anderson solche Sachen wie: „Ich mag überhaupt keine Lyrik.“ Dabei ist er einer der signifikantesten Songtexter der Epoche und hat wie kaum ein anderer die schiere Fülle der Lebensgegenwart der letzten fünf Dekaden abgebildet und poetisch gebrochen – und als ewiger Zeitreisender neigt er immer wieder dazu, sie historisch-ästhetisch herzuleiten.

Auch dieser stete Rückgriff auf die Vergangenheit hat Anderson den Ruf eingebracht, ein konservativer Knochen zu sein. Aber das ist nur ein weiteres Aufpfropfen politischer Interpretationen auf etwas, das per se gar nicht politisch ist, sondern vielmehr die Offenheit und Ambiguität von Poesie aufzeigt. Der Künstler muss über Auge und Ohr, Herz und Verstand und vielleicht noch ein Notizbüchlein verfügen. Eine politische Mission verengt nur die Perspektive.

Über Andersons gutsherrenhaftes Verhalten innerhalb der Band gibt es manche Anekdoten der Bitterkeit, aber auch solche, die sagen, dass er so schlimm gar nicht ist, sondern immer ein Teamworker und ein Kümmerer war. Der Künstler hat sich im Laufe der Jahre zum Geschäftsmann entwickelt, hat Verantwortung für einen ganzen Stall voller Leute übernommen, Firmen gegründet, sogar Lachsfarmen auf der Isle of Skye unterhalten (wegen der fragwürdigen Umweltbilanz längst verkauft und dann pleite gegangen), und irgendwann zog er Jethro Tull eben auch wie ein Wirtschaftsunternehmen auf. Ohne den Künstler – den Komponisten, Musiker und Poeten – hintan stellen zu wollen.

Taumeln wir in den nächsten Tagen und Wochen einfach mal durch dieses Universum aus Flöte, Mandoline und Powerrock … 

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