Die abgebildete LP ist die Limited Edition: zehn Songs mit einer beigelegten 45er-EP mit drei weiteren Stücken. Diese Version ist heute sogar ein bisschen rar.
Im Begleittext zur späteren remasterten CD-Version meint Anderson, dass er nie, nie wieder derartig bluesige Musik spielen wird, also soll der entsprechend geneigte Hörer sich bitte hier bedienen. Tatsächlich wirkt vieles betont ‚amerikanisch‘, verweist auf staubtrockenes Texas oder schwüle Südstaaten. Die Band kann sowas, keine Frage, aber sie wirkt bei dieser ‚kulturellen Aneignung‘ zu verspielt und leicht desorientiert, irgendwie zu ironisch. Die gute Nachricht ist, dass die stärkere Hälfte der Platte an eine modernisierte Version des 69er-Albums Stand Up erinnert: nach vorne drängende Rock- oder Popsongs mit ein wenig Keyboard-Retro-Georgel und nur leichten Folk- oder Klassik-Anklängen, dafür aber konzentrierter Melodieführung und ein paar echten Ohrwürmern. Für die absichtliche Bezugnahme auf 1969 spricht auch das Stück „Like a Tall Thin Girl“, das nichts anderes ist als eine Spielerei mit dem mandolinengetriebenen Klassiker „Fat Man“. Der Dickenspott des Originals wird umgekehrt, dafür setzt sich der Text aber nun dem Verdacht des Sexismus aus. Der Connaisseur weiß natürlich: Bei Ian Anderson ist sowas stets verbunden mit einer drastischen Portion Ironie, die aus dem „Sexismus“ die komische Selbstentlarvung großer Jungs macht.
Ernster (und anrührender) fällt das
lange, wiederum knopfleristische „White Innocence“ aus, eine Reflexion
angesichts einer jungen Anhalterin, die ebenso selbstbewusst wie arglos ins
Auto steigt und beim viel älteren Fahrer ein paar Phantasien abruft – das aber
ganz, ganz zart. Der erotische Höhepunkt ist, dass sie ihm beim Aussteigen zum
Dank kurz eine Hand aufs Knie legt. In „Sparrow on the Schoolyard Wall“ entwickelt
Anderson väterliche Gefühle für eine Streber-Schülerin, der er ein bisschen
mehr Spaß und Risiko im jungen Leben wünscht. Ein so schönes, positives Stück
Musik, dass ich es unten im Kommentar verlinkt habe.


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